Georg Heinrich Backofen –
Ein universeller Musiker im Spannungsfeld zwischen Klassik und Romantik

„Wenn so mancher für die Klarinette gesetzte Opern- oder Konzertsatz nicht so ganz von dem Klarinettisten gegeben wurde, wie sich ihn der Komponist dachte, so war es sehr oft einerseits der Mangel hinlänglicher praktischer Kenntniss des Instruments und dessen, was man bis jetzt im Allgemeinen darauf leistet, und andererseits die beschränkte Genügsamkeit mit dem, was man leistet – und die daher entstandene Gleichgültigkeit gegen die höhere Ausbildung, die man indessen doch so sorgfältig jedem anderen Instrument giebt…“
Mit diesen Worten beklagt Johann Georg Heinrich Backofen (1768 – 1830) den Zustand des klarinettistischen Vortrags zu seiner Zeit. Doch Backofen, selbst Komponist und Klarinettist, belässt es nicht bei der Kritik an dem mangelhaften Zustand, sondern schafft Abhilfe mit seiner Anweisung zur Klarinette nebst einer kurzen Abhandlung über das Bassetthorn (1803) , dem ersten eigenständigen Unterrichtswerk für die Klarinette auf Deutsch.

Zweifellos war Backofen eine äußerst vielseitige und interessante Persönlichkeit, die in ihren universellen Begabungen den Typus des umfassend gebildeten Bürgers im Anbruch des 19. Jahrhunderts verkörperte.

Als Sohn des markgräflichen Hoboisten Johann Matthäus Backofen in Durlach geboren, erhielt er seine erste musikalische Unterweisung vermutlich bereits beim Vater. 1780 zog die Familie nach Nürnberg, wo Heinrich und seine beiden jüngeren Brüder im zarten Alter von neun, zehn und zwölf Jahren mit dem Musikstudium begannen. Sein Kompositionslehrer war der Kapellmeister Georg Wilhelm Gruber (1729 – 1796) und der Kapellist H. Birckmann bildete ihn auf verschiedenen Instrumenten aus, wobei die Klarinette das Hauptinstrument war. Außerdem beschäftigte sich der junge Backofen mit der Zeichenkunst, der Malerei und der Sprachwissenschaft. In den Sprachen habe „er sich besonders während seiner großen Reise durch Frankreich, Spanien und Italien so weit gebildet, dass er die der ersten beyden Länder nicht nur reden, sondern auch schreiben kann“, berichtet Ernst Ludwig Gerber in seinem Lexikon der Tonkünstler (1812). Aufschluss über sein Talent als Porträtmaler gibt nicht zuletzt ein Selbstbildnis des Künstlers.

1789 verlässt Backofen Nürnberg und wendet sich wohl zunächst nach Meiningen, wo er bei dem dortigen Klarinettisten Grüsse sein Spiel vervollkommnet. Von diesem Virtuosen inspiriert reist er im Mai 1791 nach Würzburg zu Grüsses Lehrer, dem berühmten Adolph Philipp Ernst Meissner (1748 – 1806), um dort Stunden zu nehmen. Vermutlich trat er von hier aus die bei Gerber erwähnten Reisen als Klarinettenvirtuose nach Frankreich, Spanien und Italien an. Die politischen Unruhen der Zeit zwangen ihn 1794 zur Rückkehr nach Nürnberg. „Da es bey seiner Ankunft daselbst an einem ersten Flötenisten fehlte, so vertauschte er seine Klarinette mit der Flöte und übernahm diese Stelle. Seine Hauptinstrumente sind aber dabey die Pedalharfe und das Bassetthorn“, berichtet Gerber weiter. In weiteren zeitgenössischen Quellen wird als Backofens Beruf „Vicarius der Stadt-Music“ und, wie bei seinem Vater, „Karten-Fabricant“ angegeben.

Offenbar begab sich unser Protagonis bereits im gleichen Jahr wieder auf Reisen, diesmal ging es nach Belgien und in die heutigen Niederlande. 1795 lernte er in Amsterdam den französischen Klarinettisten Gautier kennen und reiste mit ihm nach Paris, wo Gautier ihn bei seinem berühmten Lehrer, dem bedeutenden Xavier Lefèvre (1763 – 1829), Klarinettist an der Pariser Opéra und Professor am Conservatoire, einführte. Lefèvre trat unter anderem mit technischen Verbesserungen an der Klarinette und seiner zeitgleich mit Backofens Anweisung erscheinenden Méthode de Clarinette hervor. „Von allen Instrumenten ist es die Klarinette, die am meisten Ähnlichkeit mit der Stimme hat. Man muss den Schülern beibringen, dass die vorrangigste Eigenschaft dieses Instruments das Singen ist.“ Dieses musikästhetische Credo aus dem Vorwort der Méthode läutet ein neues Zeitalter für die Klarinette ein, die hier selbstbewusst als Stellvertreterin für das schönste aller Instrumente, die menschliche Stimme, auftritt. Darüber hinaus schimmert in dem Text, der übrigens vom Direktor und Gründer des Conservatoire, Bernard Sartette, verfasst wurde, ein poetischer Gedanke jener Zeit durch: Singen soll der Instrumentalist! Das bedeutet, dass der Virtuose sein Publikum vergessen machen soll, dass er ein Instrument, im eigentlichen Wortsinn also ein Gerät oder Werkzeug benutzt. Singen soll er! Das bedeutet, er soll seinem Vortrag den unmittelbaren, natürlichen und menschlichen Ausdruck des Gesangs geben.

Für Backofen war die Begegnung mit dem großen französischen Virtuosen Lefèvre und dem Pariser Umfeld sehr anregend und mag seinen Entschluss, ein Lehrwerk für die Klarinette zu schreiben, wie auch den Inhalt dieser Instrumentalschule, beeinflusst haben. Die britische Musikforscherin Pamela Weston berichtet, dass Backofen von Lefèvre in der Kunst des Blattbaus unterwiesen wurde, der er in seiner Anweisung für die Klarinette einigen Raum widmet. In Lefèvre fand Backofen außerdem einen Förderer, der ihm eine Anstellung in der Garde der Konsuln und am Théâtre Italien verschaffte. Über Spanien und Italien kehrte der Künstler nach Nürnberg zurück, wo er für die Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung einen Aufsatz über den Stand der Musik in Spanien schrieb.

Während all seiner Reisen und wechselnden Engagements widmete sich Backofen sehr ausführlich der Harfe, für die er einige Kompositionen wie auch eine Anleitung zum Harfenspiel (1801) schrieb. Seine ausgedehnte Konzerttätigkeit in Europa kam Backofens Harfenschule sehr zugute, denn besonders in Frankreich gab es zu dieser Zeit bereits die so genannte Pedalharfe, auf welcher, im Gegensatz zur in Deutschland noch sehr verbreiteten Hakenharfe, chromatische Passagen ausgeführt werden konnten. Mit dieser ersten gründlichen und systematischen Schule für die Harfe und der Übertragung französischer Musik auf das deutsche Instrument hat sich Backofen besondere historische Verdienste erworben.

Auf den folgenden Konzertreisen stellte der Musiker seine Fähigkeiten als Harfenist und Bassetthornspieler in den Vordergrund. Stationen dieser Reisen sind u. a. Leipzig, Halle und Gotha, wo er nach Auskunft der Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung „sich bei Hofe und bei dem Prinzen August mit vielem Beifall auf dem Bassett-Horn und der Harfe hat hören lassen.“

Nach wie vor wirkte er in Nürnberg im Theaterorchester und in der Stadtmusik, bis er sich 1804 als Kammermusikus in herzogliche Dienste nach Gotha begab. Als Erster Klarinettist war er, wie damals üblich, zugleich „Direktor der Blasinstrumente“, also Leiter der so genannten „Harmoniemusik“, einem repräsentativen Ensemble aus Blasinstrumenten bei Hof.

In Gotha wurde er auch der „Harfenmeister“ der bald so berühmten Dorette Scheidler und späteren Ehegattin Ludwig Spohrs. Dieser wurde 1805 Konzertmeister der Hofkapelle und erinnert sich in seiner Selbstbiographie an Backofen als einen der „vorzüglichsten Solospieler für Clarinette, Bassetthorn und Harfe“. Und, wie wir ebenda lesen können, darf man Backofen auch seinen Anteil an der Romanze zwischen Spohr und seiner Dorette nicht absprechen. „… auch hatte ich mich lange genug [mit der Harfe] beschäftigt, um zu wissen, wie schwer es ist, wenn man mehr als eine bloße Begleitung darauf spielen will. Man denke sich daher mein Erstaunen und Entzücken, als ich dieses noch so junge Mädchen eine schwere Phantasie ihres Lehrers Backofen mit größter Sicherheit und feinster Nuancierung vortragen hörte. Ich war so ergriffen, dass ich kaum meine Tränen zurückhalten konnte. Mit einer stummen Verbeugung schied ich; - mein Herz aber blieb zurück!“ Auch Backofen blieb - mit Ausnahme einiger Reisen nach Spanien und Südfrankreich - in Gotha, bis er 1811 in die Großherzoglich-Hessische Hofkapelle nach Darmstadt überwechselte, wo er zum Kammermusikus der Ersten Klasse für Flöte befördert wurde. Die Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung führte ihn noch 1826 als „Kammermusikus [in Darmstadt], Komponist und Solist von Bassetthorn und Harfe“. Für das Jahr 1815 wird berichtet, dass Backofen in Darmstadt eine Blasinstrumentenfabrik gründete und sich als Klarinettenbauer betätigte. Am 10. Juli 1830 verstarb Johann Georg Heinrich Backofen in Darmstadt. Kartenhersteller, Kammermusiker, Solist, Komponist, Übersetzter, Pädagoge, Musikschriftsteller, Instrumentenbauer, Maler und Musikdirektor! Beeindruckender noch als diese Vielfalt von Talenten scheint die Charakterisierung seines Zeitgenossen Gerber, der berichtet, dass Backofen nicht nur „von allen den bisher an ihm gerühmten Eigenschaften, sondern auch noch von seinem bescheidenen und humanen Betragen mannichfaltige Beweise ablegte.“

Heike Fricke